Die Treidler

Archiv 2012 - Kultursommer                                            

                                                                       

 

Kultursommer_RGB_156pxAufgehoben:

Glauben – Herkunft – Selbstbestimmung

Migration in Frankenthal: eine Momentaufnahme

Dokumentation des Projekts des Kunstvereins DIE TREIDLER zum Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz 2012

„Gott und die Welt“

3. Mai – 2. Juni 2012

 


 Vorstandsmitglieder und aktive Mitarbeiter bereiteten in Interviews und mit Fototerminen die Ausstellung vor. Zahlreiche Kontakte waren notwendig,

ehe die Gemeinden geeignete Personen gefunden hatten.

Nicht immer waren die Angesprochenen bereit, ihr Foto und ihren Lebenslauf öffentlich zu präsentieren,

manchmal gab es sogar nach wiederholten Gesprächen einen Rückzug.

Mit den in der Ausstellung Präsentierten konnten wir gute Gespräche führen. Wir durften bemerkenswerte Menschen kennen lernen

und können ihre  bewegten Lebensverläufe vorstellen. Dafür sind wir dankbar.

 

Fotos: Rudi Kottmann-Rexerodt, Birgitt Klein

 

Der Kunstverein bietet eine Dokumentation der Ausstellung an. Schutzgebühr: 10 Euro 

 

Den Text finden Sie hier:

Vorbemerkung

"Gott und die Welt" lautete im Jahr 2012 das Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz, mit dem der Kunstverein sich auseinanderzusetzen hatte. Und zusätzlich war es das Jahr, in dem die Stadt mit zahlreichen Veranstaltungen daran erinnerte, dass vor 450 Jahren die sogenannten Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden sich in den Gebäuden des  aufgelassenen Klosters niederlassen konnten. Die Ansiedlung entwickelte rasch eine starke Wirtschaftskraft. Während die wallonischen Ankömmlinge sich im Lauf der Zeit wieder in alle geografischen Richtungen zerstreuten, blieb Frankenthal ein prosperierender Industriestandort bis heute.

Für die kreativen Denker des Kunstvereins war dies Herausforderung, beide Themen zusammen zu bringen: Migration mit all ihren Facetten, und die Vielfalt unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse beziehungsweise Religionszugehörigkeiten. Die methodische Vorgehensweise startete mit einem Anschreiben an sämtliche Glaubensgemeinschaften und Gemeinden in der Stadt. Sie wurden gebeten, ein Gemeindemitglied zu benennen, das von möglichst weit her nach Frankenthal gekommen war und bereit wäre, über seinen Herkunftsort zu berichten. Die Kirchen beziehungsweise Gemeindehäuser sind Heimstätte der jeweiligen Gemeinde, und in ihnen fühlen sich die Gemeindemitglieder „aufgehoben“.

Nach dem Start Ende Januar 2012 fanden sich von den 29 Gemeinden verschiedener Glaubensgemeinschaften sowie den beiden, die in Frankenthal keine Kirche bzw. kein Gemeindehaus unterhalten, Mitglieder aus 15 Glaubensgemeinden bereit zu einer Zusammenarbeit. Die Ausstellung, die vom 3. Mai bis 2. Juni 2012 in Kunsthaus Frankenthal zu sehen war, zeigte neben Fotos sämtlicher Gottes- und Gemeindehäuser in der Stadt und der zur Zusammenarbeit bereiten Gemeindeglieder jeweils Gegenstände, die letztere aus ihrer Heimat mitgebracht hatten und die sie ganz besonders mit dieser Heimat verbanden. Letztere - die Gegenstände - waren lediglich für die Dauer der Ausstellung zu sehen.

 

Die hier vorliegende Dokumentation des Projekts stellt also Menschen aus Frankenthal vor, die fest in ihrem Glauben verwurzelt sind. Ihnen gemeinsam ist, dass sie in fernen Gegenden Europas oder der Welt aufgewachsen sind. So bietet sich hier ein Blick auf Migration in Frankenthal heute, festgemacht an Glaubensbekenntnissen und Gemeinden. Leserinnen und Leser können damit einen unmittelbaren und sehr nahe gehenden Blick auf Gründe und Beweggründe von Migration werfen.

 

 

 

Moersch_Christuskirche_713505_Buttmann_8155_2Christuskirche

Evangelische Gemeinde, Mörsch

Gertrud Buttmann

 

 

Gertrud Buttmann wurde am 19. Februar 1926 in Lauenburg in Pommern geboren. Durch die Vertreibungen der Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg geriet sie zuerst nach Schleswig-Holstein, dann in den Schwarzwald und kam schließlich 1956 nach Frankenthal, wo ihre Schwester lebte. Seit dieser Zeit wohnt sie in Mörsch.

Gertrud Buttmann ist mit einem Mann aus Oppau verheiratet, mit dem sie drei Kinder hat. Eine Tochter ist nach Kanada ausgewandert und inzwischen verstorben, die beiden anderen leben in Frankenthal.

Im Rückblick auf Flucht und Vertreibung strahlt Gertrud Buttmann große Gelassenheit aus. Auch denjenigen, die jetzt in den ehemals deutschen Ostgebieten lebten, sei oft übel mitgespielt worden. Sie hat ihren Frieden gefunden mit der Geschichte und signalisiert Verständnis für die Menschen.

Regelmäßig besucht Gertrud Buttmann die Gottesdienste in der Christuskirche und liebt das freundliche Miteinander in der Gemeinde.

 

 

 

   Friedenskirche_7289Friedenskirche

Konnerth_0648Evangelische Gemeinde, Heßheimer Viertel

Johann Konnerth

 

 

Johann Konnerth wurde am 2. Aug. 1932 in dem Dorf Felmern in Siebenbürgen geboren. In der Nähe lag die Kreisstad Făgăras. Dort gab es einen riesigen Industrie-Komplex mit über 10.000 Beschäftigten. Nach dem Ende seiner Schulzeit wurde Johann Konnerth dort zum Schweißfachmann ausgebildet und fand auf dieser Basis in dem großen Industriebetrieb 40 Jahre lang Arbeit und Einkommen. Dieses Einkommen sicherte der Familie einen knappen aber ausreichenden Unterhalt. Johann Konnerth beschreibt, dass das dortige Leben zu der Zeit aus seiner Sicht sehr zufriedenstellend war. Es standen nicht der Konsum und wirtschaftliche Güter im Mittelpunkt des täglichen Lebens; statt eines Autos hatte man ein Fahrrad. Vielmehr zählten Freundschaft und nachbarschaftliches Hilfe zu den wichtigen Dingen im täglichen Leben. Die Durchmischung von Rumänen und Siebenbürgern und das Miteinander wird von Johann Konnerth als völlig normal und harmonisch beschrieben; man half sich gegenseitig und feierte gemeinsam. Johann Konnerth spielte als Klarinettist und Trompeter in einer Kapelle mit, bei Hochzeit und sonstigen Festen.

Mit dem Zusammenbruch Osteuropas am Anfang der 90-iger Jahre fand auch das Ceauşescu-Regime in Rumänien sein Ende. Das wirtschaftliche Leben änderte sich radikal. Auch bei dem stahlverarbeitenden Großbetrieb in Făgăras kam es zu massenhaften Entlassungen. Mehr als 85 % der Beschäftigten waren betroffen. Zu der Zeit war Johann Konnerth noch nicht im Rentenalter und hatte sich weiterhin um den Familienunterhalt zu kümmern. Deshalb musste neue Arbeit gefunden werden. Da in seiner Heimatumgebung keine Chancen auf neue Arbeit bestanden, entschied sich Johann Konnerth 1992 im Alter von 60 Jahren zusammen mit seiner Frau, den Kindern nach Deutschland nachzuziehen. Die 3 Töchter hatten die Heimat schon früher verlassen. Eine Tochter lebte in Köln, eine andere war in Mannheim verheiratet und die Dritte in Heßheim bei Frankenthal. Mit Hilfe dieses familiären Umfelds hat Johann Konnerth in einem Großbetrieb als Hausmeister bis zur Rente eine neue Arbeit gefunden. Aber auch im Ruhestand kann er das Arbeiten nicht lassen. Wo es etwas zu tun gibt, hilft er gerne mit. Aufgrund seiner handwerklichen Fähigkeiten hat er unter anderem das Wohnhaus seiner Heßheimer Tochter praktisch vollständig entkernt und auf den neuesten Stand gebracht. Auch dem Schwiegersohn greift er in dessen Geschäft nach wie vor gern unter die Arme.

Johann Konnerth hat sich in Frankenthal längst vollständig eingelebt und integriert. Er wohnt hier gerne, hat Freunde und arbeitet aktiv im Vorstand der evangelischen Kirchengemeinde Friedenskirche mit

Zwei Bücher, die an die ‚alte‘ Heimat erinnern, sind ganz wertvolle Stücke für ihn und seine Frau. Das eine ist praktisch ein Fotoalbum, für das zahlreiche Aufnahmen der Menschen gesammelt worden sind, die in den Häusern des Ortes Felmern gelebt haben. Das andere ist eine Chronik des Heimatdorfes, die ebenfalls belegt, wie stark sich die Menschen heute noch verbunden fühlen.

 

 

 

Mennoniten_Bruedergemeinde_711604_Alice_Braun_0485Gemeindehaus

Mennoniten-Brüdergemeinde, Wormser Straße

Alice Braun

 

 

Alice Braun kann den Stammbaum ihrer mennonitischen Vorfahren lückenlos bis ins 16. Jahrhundert zurück verfolgen: Von Holland kamen sie über Stationen in Ostpreußen und Westpreußen in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Russland. Mennoniten waren Gewaltverweigerer und Kriegsdienstverweigerer. Sie gingen in den Osten, weil sie dort keinen Kriegsdienst zu leisten brauchten. Wenn dieses Privileg eingezogen wurde, zogen sie weiter, dorthin, wo sie ihren Glauben leben konnten.

Die Siedlung in Russland hatte nur 70 Jahre Bestand. Dann wurde die Gemeinde aus dem blühenden Ort in drei verschiedene Himmelsrichtungen, in weite Ferne, umgesiedelt.

Alice Braun wuchs in der tatarischen Republik auf. Die Familie war die einzige deutsche in einem russischen Dorf. Der Vater war Lehrer. Die Sprache war streng reglementiert: im Haus wurde nur deutsch gesprochen, draußen nur russisch. Trotz Unterdrückung gab es genug deutsche Literatur zu lesen. Die Leute vergruben die Bücher oder versteckten sie unter dem Misthaufen, sodass Alice Braun auch viel gelesen hat. Später haben die Enkelkinder den Großeltern für ihre Strenge mit der deutschen Sprache gedankt, weil sie einwandfreies Deutsch beherrschten und nach der Übersiedlung nach Deutschland sofort die Realschule besuchen konnten. Alice Brauns Vater, weil er eben Lehrer war, „wurde als erster abgeholt“, wie der Sprachgebrauch lautet. Er bekam drei Jahre. Andere, die nach ihm abgeholt wurden, „bekamen zehn Jahre“ oder wurden gleich erschossen.

„Als es gefährlich wurde“, zog die Familie in eine ganz große Stadt. Nach dem Schulabschluss wurde Alice Braun allein nach Kasachstan geschickt, damit sie unter Deutschen sein konnte. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitete in ihrem Beruf.

Karaganda war das Zentrum des Gulag, berichtet sie. Hierher war ein Teil der Elite der Medizin deportiert worden. Als Krankenschwester machte Alice Braun umfassendste Erfahrungen, weil so viele Nationalitäten dort zusammen waren. Insgesamt 146 Völker waren im Land vertreten, hat sie in Erfahrung gebracht. Dadurch kamen einerseits zum Beispiel Krankheiten aus dem Mittelmeerraum vor, andererseits lernte man Toleranz und wie man gut miteinander umgehen kann.

Für Alice Braun war es positiv, dass es in Karaganda eine große mennonitische Gemeinde gab. Der Glauben gab Rückhalt. Denn auch wenn überall alles verboten war, so organisierten die Gemeinden doch Jugendgruppen und Kindertreffen.

Von Karaganda ging es in den Nord-Kaukasus, wieder unter Moslems. „Wir haben freiwillig gezwungen Erdkunde und Völkerkunde studiert“, erläutert Alice Braun und rechnet vor, dass sie, ehe sie nach Frankenthal kam, fünf Mal über größte Entfernungen umgezogen ist.

In Deutschland kam Alice Braun im Januar 1978 an. Die Eltern waren schon vor ihr hier. Sie lebten in Espelkamp und empfingen die Familie, der Vater in Frankfurt, die Mutter in Friedland. Von Montag bis Mittwoch hatte die Reise gedauert. „Oh, da gibt es ein Geburtstagskind!“ stellte der Beamte fest, der die Familie registrierte. „Was wünschen Sie sich denn?“ - „Ein Bett!“ war das einzige, das Alice Braun spontan einfiel. Das bekam sie auch, an mehr erinnert sie sich nicht, denn für alles andere Notwendige sorgte dann ihre Mutter.

Die Eltern hatten von Frankenthal gehört, und dass es hier eine kleine mennonitische Gemeinde gäbe. Für Alice Braun und ihre Familie ging es zunächst für einen Monat nach Osthofen, dann bekamen sie eine kleine Wohnung in Flomersheim. Seit 1981 bewohnt die Familie ein kleines Häuschen im Nordend. Ihre Eltern kamen später auch nach Frankenthal.

Die Ankunft in Deutschland war ein Schock. Zwar waren die Eltern bereits hier gewesen, und sie hatten laut Alice Braun durchaus realistisch berichtet. „Aber wir wussten nichts“, stellt sie fest. Nachhaltig beeindruckt war sie, als der damalige Ministerpräsident Bernhard Vogel nach Frankenthal kam, um mit den Aussiedlern zu sprechen. Für die in Russland lebenslang Unterdrückten und Benachteiligten war das gar nicht zu fassen. Der Ministerpräsident richtete das Wort direkt an sie und fragte, was gemacht, was verbessert werden könnte! Alice Braun merkte an, dass die Neubürger praktisch keine Kenntnis über das Steuersystem hätten. Später berichtete sie dem Finanzamt die Wissensdefizite, um die Behörde offener für die Probleme der Rußlanddeutschen zu machen. Ein weiteres Thema war damals auch der mennonitische Religionsunterricht, der längst reibungslos funktioniert. Dennoch gab es genug Schwierigkeiten: Die Anerkennung ihrer Krankenschwestern-Ausbildung dauerte volle neun Monate. Dazwischen wurde sie, sozusagen als Überbrückung, vom Arbeitsamt in einen Deutschkurs gesteckt, sie, die ausgezeichnet Deutsch konnte. Schließlich konnte sie im städtischen Krankenhaus in Frankenthal ihre Arbeit aufnehmen und erlebte ihren zweiten Kulturschock. Fachlich fand sie nichts Neues vor, da hatte sie bei der besonderen Situation in Karaganda mehr als genug Erfahrung gesammelt. Aber der Umgang mit den Patienten, die Stellung des Patienten, seine Ansprüche und eine Art Hotelsituation, das erlebte sie völlig neu. Andererseits konnte sie eine besondere Funktion erfüllen im Umgang mit den Übersiedlern im Krankenhaus, die sich noch nicht gut auskannten, oder die vielleicht gar nicht Deutsch konnten.

Inzwischen habe sich nicht nur im Krankenhaus das Klima verändert, meint Alice Braun. Auch die Menschen hätten nicht mehr die Probleme wie Ende der 70-er Jahre. Alice Braun hatte bis zum Ruhestand Freude an ihrem Beruf.

Was ist wichtig, um gut Fuß zu fassen?

Alice Braun meint: die Sprache, und für sie genau so wichtig: die Gemeinde. Es käme auf die Erwartungen an, mit denen man kommt. - Es kamen viele. Die Gemeinde in der Wormser Straße wuchs. Immer gab es jemanden, der geholfen hat, der wusste, wer ein Auto hat oder sonstwie Unterstützung leisten konnte. Wichtig war in all diesen Jahren Gottvertrauen: „Ich brauche mich nicht aufregen – Gott steht hinter mir“, beschreibt sie das. Ereignisse und Wendepunkte, die dieses Vertrauen in den Glauben bestätigten, hat es genug in ihrem Leben gegeben.

Die traditionelle lederne Flasche, die hier zu sehen ist, erinnert Alice Braun an Kasachstan. Darin wurde Stutenmilch aufbewahrt, nahrhafte flüssige Verpflegung für lange Wege auf dem Rücken der Pferde.

 

 

Immanuelkirche_0465_weissThiessen_0633Gemeindezentrum Immanuelgemeinde

Mennonitische Brüdergemeinde, Beindersheimer Straße

Heinrich Thiessen

 

 

Ende des 18. Jahrhunderts lud Zar Paul I. Mennoniten aus Westpreußen ein, an dem Fluss Molotschna in der heutigen Ukraine zu siedeln. Mennoniten galten als mustergültige Landwirte, andererseits wurden sie in Westpreußen wegen ihrer klaren Ablehnung gegenüber dem Kriegsdienst angefeindet und bedrängt. So kamen viele Mennoniten wegen der Zusicherung, vom Waffendienst befreit zu sein, in diese Region, unter ihnen auch 1805 drei Brüder, einer davon der Ururgroßvater von Heinrich Thiessen.

1931 in Molotschna geboren, lebte Heinrich Thiessen bis zu seinem 8. Lebensjahr in der heutigen Ukraine. Aber auch hier veränderten sich die Lebensbedingungen unter der Sowjetregierung ständig. 1936 wurde sein Vater verhaftet. Als drei Jahre später das Eigentumshäuschen abbrannte, entschloss sich die Familie in den Kaukasus überzusiedeln. Dort lebten die Großeltern mütterlicherseits und die Behinderungen gegen die Glaubensgemeinschaft waren geringer als in Molotschna.

Im Juni 1941 überfielen deutsche Truppen die Sowjetunion, im August verfügte Stalin die Zwangsumsiedlung der Wolgadeutschen und der Deutschen aus dem Kaukasus nach Kasachstan. So war der 10-jährige Heinrich einer von vielen Menschen aus vier mennonitischen Dörfern, die in einem riesigen Zug in umgebauten Viehwagen auf die unfreiwillige Reise gingen. Sie brauchten einen ganzen Monat, da die Bahnlinie häufig durch Luftangriffe zerstört oder durch liegen gebliebene Züge versperrt war.

In Kasachstan waren die Deutschen "unter Kommandatur gestellt", das heißt neben anderen Einschränkungen unterlagen sie einer strikten Reisebeschränkung. Anfänglich mussten sie sich monatlich zwei Mal bei der Kommandatur melden. Auch mussten sie unterschreiben, die Region nicht mehr verlassen zu wollen. Kirchen waren verboten. Der mennonitisch-christliche Glaube wurde innerhalb der Familie weiter vermittelt. Erst nach dem Besuch von Bundeskanzler Adenauer in Moskau im Jahre 1955 und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern wurden die Beschränkungen weitgehend aufgehoben. Was aber blieb, war das Verbot auszuwandern.

Heinrich Thiessens Arbeitshaltung wurde von seinem Vorgesetzten geschätzt. Er unterstützte ihn, auch als es einmal brenzlig wurde. Als ein Spitzel über illegale Käufe christlicher Literatur berichtet hatte, wurde Heinrich Thiessen zu einem Gespräch in Anwesenheit von zwei örtlichen Parteiführern einbestellt. "Du verbreitest da illegale Literatur," eröffneten sie ihm. Nach einigem Hin und Her sagte der Direktor, dass er im letzten Krieg vier Jahre als Soldat an der Front gekämpft habe. „Andere fielen, ich blieb verschont, auch wenn ich den Kopf einmal aus dem Schützengraben herausstreckte“, sagte er. "Ich hatte zuhause eine betende Mutter." Danach hatte keiner mehr weitere Fragen.

Da eine Ausreisegenehmigung außerhalb Kasachstans eher zu erwarten war, zog Heinrich Thiessen mit seiner Familie um. In Moldawien, wo sie sich niederlassen wollten, musste eine Wohnung gefunden werden. Das gestaltete sich schwieriger als die Suche nach einer Arbeitsstelle, hatten doch deutschstämmige einen guten Ruf als Arbeitskräfte. 1974 zog Heinrich Thiessen mit seiner Frau, den Eltern und den drei Kindern in die Region Nordkaukasus.

1975 wollte die Famile einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen. Bezugsperson sollte eine Schwester von Frau Thiessen sein, die über Deutschland nach Kanada ausgewandert war. Leider klappte das nicht: Gerade während der Vorbereitungen des Antrags kam ein Zeitungsausschnitt mit der Todesanzeige. Man fand einen Ausweg: Gab es doch in Bielefeld eine Kusine seiner Frau, die ebenfalls Katharina Siebert hieß, genau so wie die verstorbene Tante.

So bekam Heinrich Thiessen 1977 die Erlaubnis zur Ausreise. Das Mitgeführte Gepäck wurde vom sowjetischen Zoll so roh behandelt, dass vieles zu Bruch ging. Auch die Tassen des Hochzeitsgeschirrs wurden so zertrümmert.

Am 16. Mai 1977 landete die Familie mit einer russischen Maschine auf dem Flughafen Frankfurt. Das vermeintliche "gelobte Land“ hatte gleich einiges zu bieten, was keineswegs den Vorstellungen entsprach. Neugierig setzten sich die Ankömmlinge auf eine Bank im Flughafen und betrachteten die Umgebung. Was sie da auf den Zeitschriften an freizügigen Abbildungen zu sehen bekamen, ließ sie erstarren. Zur Aufnahmestelle für Spätheimkehrer nach Friedland abgeholt wurde die Familie dann von einer Dame mit einem kleinen Köfferchen. Als sie sich für kurze Zeit von der Sitzbank entfernte, bat sie Heinrich Thiessen, auf ihr Köfferchen aufzupassen. Sein verständnisloser Blick führte zu der Aufklärung, dass man in diesem Land durchaus mit Diebstählen rechnen müsse. Aber endlich in Friedland angekommen, war Heinrich Thiessen tief beeindruckt von der ersten Predigt in deutscher Sprache seit langer Zeit und der kirchlichen Literatur, die er geschenkt bekam.

Warum kam die Familie Thiessen nach Frankenthal?

Gemeinsam suchten mennonitische Spätauswanderer nach einer neuen Heimat in Deutschland. Sie wurden auf den Ort Frankenthal aufmerksam, in dem zwar bereits einige mennonitische Familien wohnten, in dem es aber noch keine organisierte Gemeinde gab. Zusätzlich bot die Umgebung von Frankenthal, die heutige Metropolregion, viele industrielle Arbeitsplätze. Diese Hoffnung hat sich für die Gemeinde in vollem Umfang erfüllt. Dafür dankt Herr Thiessen noch heute der Stadt Frankenthal. Durch tatkräftige Unterstützung der Stadtverwaltung gelang eine gute Integration in die Arbeitswelt und für die Kinder in die Frankenthaler Schulen.

Heinrich Thiessen hatte mit 17 Jahren eine Lehre in einer Schuhfabrik begonnen und sich später weitergebildet, so dass er in der Sowjetunion als Konstrukteur arbeitete. Seine Frau ist Ärztin. Sie bewarb sich in Alzey um eine Anstellung in einer psychiatrischen Klinik. Beim Vorstellungsgespräch war ihr zukünftiger Chef von ihrer Qualifikation überzeugt und wollte sie gerne einstellen. Heinrich Thiessen machte ihn auf ein Problem aufmerksam: "Meine Frau benötigt einen Fahrer, der sie von Frankenthal hierher zur Arbeit bringt. Das kann ich gerne tun, benötige dann aber hier ebenfalls einen Arbeitsplatz." Das Problem konnte gelöst werden, er bekam eine Anstellung als Arbeitstherapeut. So konnte Heinrich Thiessen bis zu seiner Pensionierung 15 Jahre lang psychisch kranken Menschen sowie drogen- und alkoholabhängigen Patienten bei ihrer Rehabilitation helfen.

Der Name Thiessen ist einer der typischen Mennoniten – Namen. Er stammt aus dem Nordseeraum um die Niederlande und Friesland, so dass es wahrscheinlich ist, dass Vorfahren der Familie zu den Glaubensflüchtlingen gehörten, die vor 450 Jahren Belgien und die Niederlande verließen. Die Frankenthaler Immanuelgemeinde hat das Gemeindezentrum in jahrelanger Arbeit in Eigenregie erbaut.

Die ausgestellte Bibel ist einer der wenigen verbliebenen Gegenstände, die Heinrich Thiessen noch aus der sowjetischen Zeit besitzt. Er kaufte sie während eines Fortbildungsaufenthalts in Moskau bei einem Baptisten für 25 Rubel.

 

 

 

Jdische_Gemeinde_0558Valyshtein_8381Gemeindehaus

Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz, Ludwigshafen, Zollhofstrasse 4

Genokh Valyshtein

 

 

Genokh Valyshtein ist 2001 im Alter von 80 Jahren nach Frankenthal gekommen. Er ist seiner Tochter gefolgt, die vor ihm bereits hier gewesen ist und inzwischen in Altrip wohnt.

Genokh Valyshtein hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Geboren ist er als einer von fünf Söhnen und drei Töchtern von Sarah und Isaak Valyshtein in Nowy Pohost („Neuer Friedhof“), einem Städel in Polen,genauer im polnisch-litauisch-weißrussischen Grenzgebiet. Von den 200 Einwohnern waren 100 Juden, die übrigen Polen, Weißrussen und vereinzelt Tataren. Ein Städel ist mehr als ein Dorf, aber weniger als eine Stadt: in Russland war es Juden untersagt gewesen, Bauern zu sein. Andererseits durften sie auch nicht in großen Städten wohnen, es sei denn, sie hatten herausgehobene Berufe wie Anwälte, Ärzte oder Bankiers. So waren die meisten von ihnen Handwerker: Genokh Valyshteins Vater war Glaser, zwei Brüder waren Schneider.

Genokh Valyshtein erhielt eine intensive Ausbildung. Im Alter von fünf kam er in den Cheder, in die Bibelschule. Drei Jahre lang brachte der Rebbe den jeweils 15 bis 20 Kindern die Bibel bei: erst wurde der hebräische Text gelesen, dann im Chor ins Jiddische übersetzt, sechs Stunden an sechs Tagen die Woche. Grundlage der Unterweisung war „Chumash mit Raschi“ – die fünf Bücher Mose mit dem Kommentar des Gelehrten Raschi, der im 11. Jahrhundert u.a.in Worms wirkte. Deswegen ging der erste Ausflug nach der Ankunft in Deutschland auch nach Worms: dort verneigte sich Genokh Valystein vor dem hoch geachteten Schriftgelehrten.

Als nächste Stufe der Ausbildung folgte die allgemeine Schule. Unterrichtssprache war Polnisch. Nach 4 bis 5 Stunden in der Schule ging es nachmittags wieder in den Cheder, wo jiddisch unterrichtet wurde. Auf der Straße verständigten sich die Menschen untereinander auf Weißrussisch. Genokh muss als ausgezeichneter Schüler aufgefallen sein, denn der Gemeindevorstand empfahl ihn zum Besuch des jüdischen Gymnasiums in Wilna. Dort konnte er bei einem der älteren Brüder, einem Schneider, wohnen. Es handelte sich um eine Talmud-Tora-Schule für arme Kinder. 1939 legte er die Abschlussprüfung ab. Da er die bestmöglichen Noten in allen Fächern hatte, sprach das Kuratorium eine Empfehlung für ein Studium der Medizin an der Erusalim-Universität aus. Er bewarb sich um eine Einreise nach Palästina, was damals an der britischen Botschaft in Warschau zu erfolgen hatte. Dann, am 17. September 1939, „kamen aber die Bolschewiken“. Genokh Walyshtein fuhr wieder zurück nach Hause. Das Regime verzögerte alle Aktivitäten zur Ausreise. Stattdessen wurde ihm im Februar 1941 vorgeschlagen, in die Kohlengruben nach Kasachstan zu gehen. Dort zeigte er seine körperliche Kraft bei der Arbeit unter Tage, parallel dazu lernte er. 1951 legte er die Diplomprüfung am Technikum mit Auszeichnung ab, arbeitete als Ingenieur und Leiter. 1953 erwarb er am Barg-Institut in Jekaterinburg das Diplom mit Auszeichnung.

Parallel zu Arbeit und Studien hatte Genokh Valyshtein sich auch im Gemeinwesen hervorgetan. Er wurde Parteimitglied, wurde aufgrund seiner Bildung bald Sekretär der Parteiorganisation der Kohlegrube in Karganda, später war er im Stadt-Parteikommittee zuständig für Organisation und Instruktion. Mit der Zeit kritisch gegenüber der Partei, verlegte er sein Interesse mehr auf die Wissenschaft. Zunächst war er am wissenschaftlichen Kohleninstitut als Spezialist für Bautechnik tätig und erwarb den Doktortitel für Technische Wissenschaften. 1966 hielt er eine Berufung zur Lehre am polytechnischen Institut, wo er unter anderem 20 Jahre lang Dekan war. Dort war er bis 2001 als Professor tätig, bis zu seiner Ausreise. Die Studenten schätzten ihn sehr, viele halten den Kontakt bis heute aufrecht.

1991 war Genok Valyshtein Hauptgründer der Jüdischen Kultusgemeinde in Karaganda und von da an ständige Mitglied ihrer Leitung. Viele Jahre unterrichtete er Iwrith (Hebräisch), Erwachsene im Abendlehrgang, Kinder in der Sonntagsschule.

Nach Frankenthal kam Genokh Valyshtein, weil seine Tochter vor ihm hierher gezogen war. Sein Sohn, wie die Tochter Mediziner, war zwar ebenfalls nach Deutschlang gereist, ging allerdings nach kurzem Aufenthalt wieder zurück nach Kasachstan, wo er in einem größeren Gebiet Hauptinspektor für Medizin und Apotheken ist.

Bleibt die Frage nach Eltern und Geschwistern: einer der Brüder ist nach Kanada ausgewandert und in Toronto verstorben, ein anderer lebte in Lettland, wo er in Riga stellvertretender Handelsminister war und am dortigen Friedhof begraben ist. Beide waren im Krieg Partisanen gewesen. Ein älterer Bruder ist in Israel gestorben.

Eltern und ältester Bruder kamen im Ghetto um. Die Schwestern, die in der Nähe des Heimatortes verheiratet gewesen waren, wurden ebenfalls Opfer des Holocaust.

Genokh Valyshtein blickt mit Stolz zurück auf das, was er erreicht hat. Zeugnisse seiner ausgezeichneten Prüfungen, seine Diplome und Orden bewahrt er in Ehren, unter anderem verschiedene Orden in Lenins Namen für gute Arbeit und insbesondere die Gruben-Ehrenorden der Klasse III, II und I. 2010 reiste er mit seiner inzwischen verstorbenen Frau nach Karaganda, an seine alte Wirkungsstätte. Dieser Besuch des geschätzten Lehrers, der es so gut verstanden hatte, Praxis und Theorie zusammen zu bringen, wurde dort mit einem ganzseitigen Zeitungsartikel gewürdigt.

In Frankenthal bot er Kurse in Hebräisch an der Volkshochschule an. Beeindruckend waren seine Beiträge am "Babylonischen Leseabend" der Stadtbücherei. Er selbst beherrscht sechs Sprachen: Russisch, Polnisch, Weißrussisch, Jiddisch, Iwrith (Hebräisch) und Kasachisch.

Die Stadt Karaganda, viertgrößte Stadt in Kasachstan und Hauptstadt des Oblast Karaganda, hatte 1989 ca. 614.000 Einwohner. Seither hat sie 25 % der Einwohner verloren.

Die Zahl der Juden in Kasachstan betrug gemäß eine Zählung in 1989 ca. 18.500. Zehn Jahre später waren es nur mehr 4.500 – und da war Genokh Valyshtein noch unter ihnen.

 

 

 

 

A17_Nazarener_6962ScholzKirche des Nazareners

Evangelische Freikirche, Siemensstraße

Stavroula Scholz

 

Stavroula Scholz wurde am 21. Februar 1959 in Athen, der Hauptstadt von Griechenland, geboren. Als 12-Jährige kam sie mit Ihrer Familie nach Deutschland, da ihr Vater, ein evangelischer Pastor und Sozialarbeiter, griechische Gastarbeiter in Deutschland betreute.

Die erste Zeit in Deutschland fiel ihr schwer, da sie die deutsche Sprache noch lernen musste. Trotzdem schaffte sie erfolgreich die Mittlere Reife und lernte den Beruf der Arzthelferin.

Schon in Griechenland lernte sie durch ihre Eltern die Musik lieben, lernte verschiedene Instrumente kennen und bildete sich später in Deutschland am Konservatorium in Frankfurt als Musiklehrerin in den Instrumenten Geige und Klavier weiter.

Nach vielen Umzügen innerhalb Deutschlands kam sie 2007 nach Frankenthal. Ihr Ehemann und die drei Kinder haben sich hier gut eingelebt. Auch ihre Eltern und Geschwister leben in Deutschland.

Heute leitet Stavroula Scholz die private Musikschule Fröhlich. Schon die Grundschüler führt sie an die Musik heran, zusätzlich leitet sie ein Kinder- und Jugendorchester in Frankenthal.

An Frankenthal liebt Frau Scholz, dass alles so zentral beieinander ist und auch das multikulturelle Leben findet sie toll. Besonders gefällt ihr, dass die Stadt Ausländern gegenüber so offen ist und sie willkommen heißt. Außerdem findet sie die vielfältigen religiösen Gemeinden in der Stadt gut. Und ganz besonders gefällt ihr und ihrem Ehemann der goldene Eckstein im Wappen der Stadt Frankenthal, weil dieser auf Jesus Christus hinweist.

Stavroula Scholz ist ein engagiertes Mitglied ihrer Gemeinde. Besonders gefallen ihr die Ernsthaftigkeit des Glaubens und die vielen persönlichen Kontakte. Der Glaube wird auch im Alltag gelebt, das soziale Engagement, die Vielfältigkeit des Angebotes, das gemeinsame Feiern und die gute Kinderarbeit begeistern sie.

Die „Kirche des Nazareners“ wurde in den USA vor über 100 Jahren als ein Zusammenschluss mehrerer christlichen Initiativen gegründet. In dem Namen drückt sich der Wunsch aus, eng mit Jesus Christus aus Nazareth verbunden zu sein. Die Theologie der Kirche des Nazareners entspricht in etwa der konservativen methodistischen Theologie. Stärker betont wird dabei die verändernde und heilsame Kraft Gottes im persönlichen Leben, der Dienst an den Mitmenschen und das Bezeugen der christlichen Botschaft. Die Kirche des Nazareners versteht sich als Teil der weltweiten Kirche, gehört dem Weltrat methodistischer Kirchen an und nimmt an dessen ökumenischen Dialogen teil.

1958 kam die Kirche des Nazareners nach Deutschland und ist Mitglied der Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF). Derzeit hat sie in Deutschland 20 Gemeinden mit rund 1300 Mitgliedern, die in einem deutschen Bezirk zusammengefasst sind.

In Frankenthal ist die Kirche seit 1983 ansässig. Sie finanziert sich allein aus Spenden der Mitglieder und Freunde. Die meisten Renovierungen und die Unterhaltung des Gemeindehauses werden in Eigeninitiative durchgeführt. Gemeinschaft auch unter der Woche, gegenseitige Hilfe und Wertschätzung prägen die Gemeindeatmosphäre. Alle verbindet der gemeinsame Glauben an Jesus Christus.

 

 

 

Orthodoxe_Mannheim_0697Koutsioumpa_0924Kirche zur Kreuzerhöhung

Griechisch-Orthodoxe Gemeinde, Mannheim

Maria Koutsioumpa

 

Maria Koutsioumpa wurde 1962 in Agrelia, einem kleinen Bergdorf, geboren. Sie wuchs in Trikala auf, das liegt nahe bei Meteora, den griechischen Felsenklöstern. Mit neun Jahren kam sie mit ihren Eltern nach Frankenthal: der Vater arbeitete bei der BASF, die Mutter bei den Benderwerken. Sie hat eine Schwester und einen Bruder, beide sind jünger.

Zunächst kam sie in die griechische Schule, das war in der Erkenbertschule. Wir in den griechischen Grundschulen ging sie bis zur sechsten Klasse, dann kam sie in die 7. Klasse der Pestalozzischule. Weil sie nicht so gut Deutsch konnte, wiederholte sie die 8. Klasse freiwillig, um bessere Noten zu erreichen. Über die Lehrer äußert sie sich mit Lob. Sie begann dann eine Ausbildung bei Sternjakob, legte die Gesellenprüfung ab und arbeitete ein Jahr lang. Dann heiratete sie und bekam ihr erstes Kind, dem ein zweites folgte. Inzwischen sind Sohn und Tochter erwachsen. Inzwischen arbeitet Maria Koutsioumpa im Verkauf in einem Modegeschäft.

Von 1995 bis 2009 war sie Vorsitzende des Vereins „Hellas“. Nach wie vor leitet sie die Tanzgruppe „die Hellenen“, bei der junge Leute mitwirken. Und sie steht griechischen Landsleuten, aber auch anderen Neuankömmlingen mit Rat und Tat zur Seite, bei der Wohnungs- und Arbeitssuche und beim Umgang mit Behörden.

Aufgehoben fühlt sich Maria Koutsioumpa in der griechischen Gemeinde in Mannheim-Käfertal. Der Pfarrer spricht in der Messe viel Deutsch, berichtet sie, und ein einfaches Griechisch. Dies, damit die junge Generation sich beteiligen kann, denn viele davon beherrschen das Griechische nicht mehr so gut. Einmal im Monat gibt es ein gemeinsames Frühstück, und die Gemeinde arbeitet auch vor Ort mit den christlichen Kirchen zusammen: Die Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland ist eines der konstituierenden Mitglieder der deutschen Ökumene.Im Jahr 2011 gab es eine Ausstellung im Schloss in Mannheim, bei der Maria Koutsioumpa mit ihrer Tanzgruppe auftrat, verstärkt durch eine Tanzgruppe der Kirchengemeinde, die aus älteren Tänzern bestand.

Traditionell ist bei den Griechisch-Orthodoxen Ostern ein großes Fest, das mit Familie und vielen Freunden gemeinsam gefeiert wird. In diesem Jahr lag der Ostertermin eine Woche später als das deutsche Osterfest. In Maria Kourtioumpas Garten waren 24 Personen zum Lamm-Essen gekommen. Maria Koutsioumpa ist von einer Zeremonie am 6. Januar besonders beeindruckt: der „Segnung des Wassers“. Die Gemeinde zieht an den Rhein, wo der Pfarrer ein großes, an einer Schnur gesichertes Kreuz ins Wasser wirft. Alle, die das wollen, springen hinterher und derjenige, dem es gelingt, das Kreuz zu ergreifen und aus dem Wasser zu holen, kann sich das ganze Jahr über auf Glück und Segen verlassen. Nach dem 6. Januar besucht der Pfarrer auch die Häuser und weiht sie.

Maria Koutsioumpa ist deutsche Staatsbürgerin, auch die Kinder wurden eingebürgert. Gefragt nach dem Verhältnis zwischen den beiden Nationalitäten, sagt sie: An Griechenland mag sie die Gebräuche. An Deutschland schätzt sie Verantwortung, Recht und Ordnung.

An ihren Herkunftsort auf 800 Meter Seehöhe erinnern die Bilder von „Oma und Opa“. Jedes Jahr fährt Maria Koutsioumpa nach Agrelia. Dort besucht sie dann auch die Gräber, und ebenso die Gräber des anderen Großelternpaares, das zuletzt in Larissa gelebt hat.

 

 

 

Mennoniten_Eppstein_8210_3Stauffer_8165Mennonitenkirche von 1779

Leininger Straße 10, Eppstein

Helgard Stauffer

 

 

Die Mennnonitengemeinde in Eppstein blickt auf eine lange Tradition zurück. Helgard Stauffer, die hier die Gemeinde vertritt, kann ihren Stammbaum bis zur Einwanderung der Mennoniten aus der Schweiz zurück verfolgen. Dort begann 1671 die schwerste Verfolgung der Täufer, so die Bezeichnung für die Mennoniten. Etwa 700 Männer, Frauen und Kinder wurden mittellos vertrieben. Sie kamen aus dem Kanton Bern, einige auch aus Zürich. Etwa 100 gelangten in den Elsass, die anderen wandten sich in die Kurpfalz.

Hier kamen sie in ein vom 30-jährigen Krieg verwüstetes Land. Die örtlichen adligen Lehensherrn waren erpicht darauf, Leute auf ihrem Grund und Boden anzusiedeln. Ein Religionspatent bestimmte im Jahre 1685, dass sich Angehörige aller Konfessionen in der Kurpfalz ansiedeln und ihren Glauben frei ausüben könnten. Freilich nicht ohne Einschränkungen: Die Schweizer bekamen einzelne Höfe und ehemalige Klostergüter zugewiesen, die weit voneinander entfernt waren. Sie durften auch keine Berufe ausüben, sondern mussten Bauern bleiben. Die Zahl von 200 Familien in der Kurpfalz durfte nicht überschritten werden: so mussten Söhne bald nach der Eheschließung den elterlichen Hof verlassen. Auch deshalb sind viele von ihnen ausgewandert. Eppstein blieb bis zum zweiten Weltkrieg ein Bauerndorf. Erst als Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten ansässig wurden änderte sich die Berufsstruktur, und heute gibt es nur mehr vereinzelt landwirtschaftliche Betriebe im Ort.

Trotz aller anfänglicher Schikanen bildete sich in Eppstein eine mennonitische Gemeinde. 1777 konnte sie ein Grundstück für einen Friedhof erwerben, und 1779 wurde es gestattet, darauf einen Saal als Gottesdienstraum zu errichten.

Seit 1790 sind Vorfahren von Helgard Stauffer in Eppstein nachzuweisen. Auf der Karte aus dem Jahr 1724 ist das Grundstück, das später von der Familie bewohnt wurde, dunkel eingefärbt oberhalb von „Die 8te Lage“. Der Großvater Peter Stauffer ist 1870 geboren, eine Großmutter stammte aus Langmeil, wo es ebenfalls eine mennonitische Gemeinde gab. Es gab auch Ehen mit Frauen bzw. Männern evangelischen Glaubens. Helgard Stauffers Vater war noch Landwirt. Sie selbst war zehn Jahre lang als Hotelfachfrau in Paris, London, Frankfurt und Stuttgart tätig, ehe sie Erzieherin wurde. Für das christliche Jungenddorf arbeitete sie an unterschiedlichen Orten in Internatsschulen und Berufsbildungsstätten. Der Ruhestand hat sie wieder nach Frankenthal zurück gebracht.

Helgard Stauffers Großtante – die Großmutter verstarb früh – erzählte gerne eine schöne Geschichte: Eine direkte Vorfahrin, Margarete Wagner, hätte Napoleon einen Blumenstrauß überreicht, als dieser auf dem Durchmarsch nach Moskau gewesen sei. - Im Rückblick ist die Freude an dieser Geschichte gut zu verstehen, weil die napoleonische Zeit einen großen Umbruch im Staatswesen brachte: Durch die Zurückdrängung der Macht der Kirche fielen die Repressalien insbesondere durch den Klerus mit einem Mal weg.

Die mennonitische Gemeinde in Eppstein hatte einmal 200 Gemeinde-Mitglieder, heute sind es 52.

 

 

 

Milli_Grus_7557Calay_8961_2Milli Görüs Moschee

IGMG Moschee Verein e.V., Siemensstraße

Mehmet Calay

 

Mehmet Calay wurde 1973 in Izmit in der Türkei geboren, 100 km östlich von Istanbul. Bereits vier Monate früher war sein Vater nach Deutschland gekommen, wo er in Stuttgart arbeitete. 1976 kamen Mutter, ältere Schwester und Mehmet Calay dem Vater nach.

1980 kam Mehmet in den Kindergarten in der Fontanesistraße und besuchte die erste Klasse der Erkenbert-Schule. Dann kam er zurück in die Türkei. Er lebte auf dem Land bei der Großmutter und besuchte vier Jahre lang die Grundschule, konnte dabei sogar ein Jahr überspringen. Die Sommer verbrachte er allerdings immer hier, bei seiner Familie im Heßheimer Viertel. In der Türkei sah er sich in seiner Freizeit Fotos an von Freunden, die er nur im Sommer sah. Der Altersunterschied zur Großmutter schränkte den Gesprächsstoff ein. Kommunikation über Telefon gab es damals nur sehr selten, und Briefe dauerten eben eine Weile.

1985 zog die Großmutter vom Land nach Izmit, der Junge besuchte ein islamisches Gymnasium, das „Imam Hatip Lisesi“. Fremdsprachen waren Arabisch und Englisch, es gab Koranunterricht und daneben Fächer wie Chemie, Physik, Mathe, Erdkunde. Mehmet Calay schätzt im Rückblick diese Schule, denn da brauchte er nicht zusätzlich noch in die Koranschule gehen. Zum Ende der Schule machte er die Aufnahmeprüfung zur Universtität, die er allerdings nicht schaffte. Daraufhin kam er im Oktober 1992 endgültig nach Frankenthal. Sein Schulabschluss wurde als Realschul-Abschluss anerkannt.

In Deutschland war allerdings seine Aufenthaltserlaubnis mit Erreichen des 16. Lebensjahres abgelaufen. Der Vater, zuletzt bei KKK tätig, war krank geworden. So reiste Mehmet Calay zunächst mit einem Touristenvisum ein. In der Familie gab es ein Hin und Her an Überlegungen, weil die Großmutter in der Türkei schließlich sehr alt war. Zuletzt wurde das Touristenvisum verlängert. Der Schwager nahm Mehmet Calay zu Kursen in Mannheim mit, sie lernten Deutsch und fanden einen Sozialarbeiter, der sich kümmerte und Mehmet Calay riet, einen Förderlehrgang zur Aufnahme einer Ausbildung zu besuchen. Zusätzlich unterstützte er ihn bei der Bemühung um einen gesicherten Aufenthaltsstatus. So begann Mehmet Calay 1995 eine Ausbildung zum Maler und Lackierer und arbeitete nebenbei als Aushilfe bei einem Baumarkt. Die Frage des Militärdienstes hatte er bereits in der Türkei erledigt. Über die Frankenthaler Ausländerbehörde äußert er sich positiv, da wäre seiner Situation mit Verständnis begegnet worden.

Das Berufsleben Mehmet Calays verlief abwechslungsreich und häufig mit zeitlich befristeten Stellen. Über den Schwiegervater, der Schweißer in der MIRO-Raffinerie in Karlsruhe war, bekam er dort von 1999 bis 2001 eine Stelle. Anschließend war er als Leiharbeiter Produktionshilfe bei der KBA, bevor es wieder in der MIRO-Raffinerie Arbeit für ihn gab. 2005 war er kurzfristig selbständig, was zu wenig zum Leben abwarf, so dass er mit einer Reinigungsfirma für den Aktivmarkt Scholz in Flomersheim arbeitete. Nach einer Zwischenstation bei der Frosta AG in Bobenheim-Roxheim landete Mehmet Calay endgültig bei Herrn Scholz, der seine Arbeit schätzte. Seit 2007 ist er im Edeka-Markt in Mundenheim tätig.

Nachdem Mehmet Calay mit der Mutter und der älteren Schwester nach Deutschland gekommen war, wurde noch ein Zwillingspaar und ein Bruder geboren. Die Zwillingsschwestern sind beide in der Türkei verheiratet, sie leben dort gut, berichtet der Bruder, und unterrichten Deutsch. Mehmet Calays Frau stammt aus Kappadokien. Er hat sie irgendwann kennen gelernt, und ein Jahr später in der Straßenbahn wieder getroffen. Beide haben eine neunjährige Tochter und einen Sohn von viereinhalb Jahren. Das Leben in zwei Ländern, die Frage, ob eines der Kinder aus der großen Familie vielleicht Deutsch studieren will, die vielen Freunde hier vor Ort bestimmen das Leben. „Die Türkei ist mein Mutterland – hier ist mein Vaterland“ beschreibt Mehmet Calay seinen Standpunkt.

Bei der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) in Frankenthal ist er Mitglied im Vorstand der Frankenthaler Moscheegemeinde, die 1998 gegründet wurde und zunächst nur einen Raum zur Verfügung hatte, und in der Hauptverwaltung in Köln. Im Laufe der Jahre betreute er verschiedene Abteilungen: Bildung, Jugend, Drogenberatung und vor allem Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2000 ist Mehmet Calay Mitglied im Ausländerbeirat, in den er jetzt zum dritten Mal gewählt wurde. Wichtig findet er für diese Arbeit zum Beispiel Seminare zu Kindererziehung und Gespräche mit Vertretern von Behörden. Mehmet Calay ist auch im christlich-islamischen Gesprächskreis aktiv.

 

 

 

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Ökumenische Gemeinde Pilgerpfad am Jakobsplatz

Dahab und Yitbarek Gebreyohannes

 

 

Eritrea liegt am Roten Meer, gegenüber von Saudi Arabien und Jemen; es ist eines der ärmsten Länder der Welt. Wegen des ständigen Konflikts mit dem Nachbarland Äthiopien und der daraus resultierenden großen Armee des Landes fehlen der Wirtschaft Arbeitskräfte. Die einst gute Infrastruktur ist durch Kriege stark zerstört. Die eritreische Muttersprache ist Tigrinya, die zweite Amtssprache Arabisch.

Afelba, der Geburtsort von Dahab und Yitbarek Gebreyohannes, liegt etwa 50 km südöstlich von Asmara, der Hauptstadt von Eritrea.

Yitbarek wurde 1953 in Afelba geboren. Nach der Grundschule besuchte er ein Internat in Asmara, um nach dem Abitur ein Studium der Chemie in Äthiopien zu beginnen. Um dem drohenden Kriegsdienst zu entgehen, setzte er sich nach Deutschland ab und wechselte an die Universität Hannover, um dort sein Studium auf dem Gebiet der Mineralogie fortzusetzen. Seine Abschlussarbeit, ein Vergleich des Gesteinsaufbaus von Rhön und Spessart, entstand bei einer amerikanischen Explorationsfirma in Hannover. Kurz nach seinem Diplom erwarb Yitbarek die deutsche Staatsangehörigkeit.

Auch Dahab, geboren 1958, ging in ein katholisches Internat in Eritrea. Dort entdeckte und entwickelte sie ihre sprachlichen Begabungen. So löcherte sie die italienischen Nonnen der Schule zu jedem italienischen Wort, das sie von diesen hörte, bis sie es verstehen konnte. Neben den Schulfächern Englisch und Französisch lernte sie dann in einer Arbeitsgemeinschaft die italienische Sprache. Nach der Schulausbildung, die sie in Äthiopien mit dem Abitur abschloss, floh Dahab vor dem Krieg und den Repressalien in den Sudan zu einer Cousine. Ihr Bruder, der in den USA lebte, ermöglichte ihr die Übersiedlung nach Deutschland. Auch wenn sie eigentlich weiter in die USA wollte, musste sie aufgrund des Transitabkommens in Deutschland bleiben. So kam sie nach Hannover, wo bereits ihr anderer Bruder lebte. Nach einem Sprachkurs in Bonn, der so erfolgreich war, dass Dahab heute fast akzentfrei spricht, kehrte sie nach Hannover zurück und machte eine Ausbildung zur Chemisch-Technischen Assistentin.

So lernten sich die beiden Auswanderer aus der kleinen eritreischen Stadt Afelba in Hannover kennen.

Nach abgeschlossener Ausbildung arbeiteten beide bei der Explorationsfirma, bei der Yitbarek seine Abschlussarbeit geschrieben hatte. Als diese Firma geschlossen wurde, fanden die Gebreyohannes - nach drei Monaten Stellensuche - beide Arbeit in einem Labor der amerikanischen Streitkräfte in Mannheim. Dahab arbeitet auch heute noch dort, wird aber bald nach Kaiserslautern wechseln müssen, wo Yitbarek wegen der Schließung Mannheimer Standorte auch jetzt schon als Umweltbeauftragter der Region arbeitet.

Auch die Wohnungssuche war gar nicht so einfach. Die Pfingstweide gefiel Dahab nicht, auch die angebotenen Möglichkeiten in Oggersheim sagten ihr nicht zu. Eine helle und schöne Wohnung fanden die beiden Frankenthal.

Sonntags gingen sie zunächst zur Gemeinde St. Paul in den Gottesdienst. Eines Tages bekamen sie Post von Pfarrer Rudi Spitz, der sie herzlich in die Gemeinde von St. Jakobus einlud, da ihr Wohngebiet zu dieser Kirche gehörte. Yitbarek wurde 1988 in den Pfarrgemeinderat gewählt, Dahab arbeitete mit im Bürgerverein. 1990 beschlossen Pfarrgemeinderat und Presbyterium der ökumenischen Kirche im Pilgerpfad, dass Afelba, die Geburtsstadt von Dahab und Yitbarek Gebreyohannes, Partnerstadt werden solle. Der Verein Selam Eritrea-Hilfe e.V. wurde 2006 gegründet, deren stellvertretende Vorsitzende Dahab ist. Dieser Verein unterstützt bis heute die Menschen in Eritrea. Zu den abgeschlossenen Projekten gehören der Bau einer Grundschule mit drei zusätzlichen Lehrerwohnungen in Afelba und eine Wasserleitung für das Dorf.

In Frankenthal gefällt es beiden sehr. So bauten sie ein Haus mit kleinem Gärtchen, in dem ein Grill darauf wartet, die Freunde der gastfreundlichen Familie zu bewirten. Dazu gibt es dann bestimmt das tolle selbst gebackene Brot, das Dahab manchmal auch zu den Sitzungen des Unterstützungsvereins für Eritrea mitbringt.

Die drei Kinder der Familie sind in Deutschland geboren. Die älteste Tochter lebt seit vier Jahren in den USA, die zweite Tochter ist Fremdsprachenkorrespondentin und studiert jetzt in Heidelberg Psychologie, der jüngste Sohn studiert an der FH in Mannheim Energietechnik.

Als Dahabs Mutter aus Eritrea zu Besuch weilte, war gerade Sommer und wunderschönes Wetter. Die grüne Landschaft und das milde Klima gefielen ihr so, dass sie in ihrer für uns bildhaft klingenden Sprache sagte: "Wenn ich die Landschaft hier bei euch sehe, dann glaube ich, dass die Deutschen als die zweite Hand Gottes erwählt sind".

Aus Afelba stammen auch die ausgestellten Reliefs. Sie sind ein Geschenk der dortigen Gemeinde an die Partnergemeinden im Pilgerpfad.

 

 

 

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Katholische Gemeinde, Wormser Straße

Alex Komlanui Abalo

 

 

 

Alex Komlanui Abalo stammt aus Togo, einem Staat in Westafrika, der am Golf von Guinea liegt und bis zum Ersten Weltkrieg eine deutsche Kolonie war.

Geboren wurde er am 12. Dezember 1984 in dem Ort Kelegougan. Wegen den Unruhen im Land verließ Alex Komlanui Abalo mit 18 Jahren seine Familie und sein Heimat.

Zuerst lebte er im Asylantenheim in Frankenthal. Als Katholik ging er regelmäßig in die Kirche und lernte bei einem Gebet in der St. Dreifaltigkeitskirche den ehemaligen Pfarrer Karl-Heinz Bumb kennen. Sie kamen ins Gespräch, dabei erzähltePfarrer Bumb ihm, dass er auf einer Pfarreifahrt nach Togo den dortigen Pfarrer Michel Gbadogbor kennengelernt hatte. Es zeigte sich, dass dies zufällig auch der Rektor von Alex Komlanui Abalo gewesen war. Diese Begegnung führte dazu, dass Alex Abalo abwechselnd im Asylantenheim und im Pfarrhaus von St. Ludwig wohnen durfte. Solange, bis schließlich das Bistum Speyer und der Verwaltungsrat von St. Ludwig einem endgültigen Wechsel ins Pfarrhaus zustimmten.

Das Leben in dieser Wohngemeinschaft gefällt ihm gut. Außerdem hat er hier viele neue Freunde gefunden. Dieser Kontakt ist ihm sehr wichtig, mehrmals wöchentlich spielen sie gemeinsam Fußball, außerdem hat er sich einer Trommelgruppe angeschlossen.

Seit kurzem ist auch sein Bruder nach Deutschland eingewandert. In seiner Heimat leben noch seine Mutter und seine Schwester. Mit ihnen telefoniert er regelmäßig oder sie erzählen sich die Neuigkeiten per E-Mail, so kann er weiterhin Kontakt zu seiner Familie halten.

Beruflich hat Alex Abalo eine Bäckerlehre absolviert und seine Gesellenprüfung erfolgreich abgelegt. Besondersgefallen ihm in Deutschland die vielen Möglichkeiten zur Weiterbildung, was er aus Togo nicht gekannt hatte.

 

Die Pfarrkirche St. Ludwig wurde 1934 bis 1936 nach Plänen des in Frankenthal geborenen Architekten Albert Boßlet gebaut, nachdem St. Dreifaltigkeit für die Frankenthaler Katholiken zu klein wurde. Die Pfarrkirche ist online casino kein freistehender Bau, sondern durch gestaffelt gesetzte Flügelbauten in eine historische Häuserzeile eingebunden, die aus der Zeit der nördlichen Stadterweiterung im ausgehenden 19. Jahrhundert stammt.

St. Ludwig ist eine blockhafte, dreischiffige Basilika mit einer markanten, asymmetrisch sich steigernden Doppelturmfassade aus roten Sandsteinquadern, durchsetzt mit rotem Klinker.

Besonders erwähnenswert sind die im Altarraum angebrachten Tafeln über das Leben des Kirchenpatrons König Ludwig IX. von Frankreich, die der Frankenthaler Künstler Martin Adam Foeller gestaltet hat, sowie die Glasmalereien verschiedener Heiliger in den Fenstern. Beeindruckend ist ferner die große Kuhn-Orgel mit ihren 44 Registern und den sogenannten spanischen Trompeten, die im Gottesdienst und zu Kirchenkonzerten den Kirchenraum mit ihrem Klang erfüllen. (Quelle: Homepage Pfarrgemeinschaft St. Ludwig, Frankenthal)

 

 

 

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Italienische katholische Gemeinde

Sabatino Marchetti

 

 

Sabatino Marchetti ist am 2. April 1937 in Leonessa in Latium geboren. 70 km nördlich von Rom im Apennin gelegen, bietet der Ort auf fast 1.000 Meter Seehöhe eine wunderschöne Landschaft und im Winter die Möglichkeit zum Schilauf. Der junge Sabatino Marchetti nutzte sie und war während seiner Militärzeit bei den Alpini, den italienischen Gebirgsjägern, als Schilehrer tätig.

Sein persönliches Vorbild wurde der legendäre Vorkämpfer des Eurokommunismus, Enrico Berlinguer (gest. 1984). Als Sohn eines adeligen Vaters hätte der seinen Grundbesitz an seine Bauern gegeben, berichtet Sabatino Marchetti. Er lernte ihn kennen und hat später auch sein Grab besucht. Obwohl Papst Pius XII. alle Kommunisten exkommuniziert hatte, war Berlinguers Famile streng katholisch. Er selbst unterhielt enge Beziehungen zu ihren Vertretern und vertrat die These, durch eine Zusammenarbeit der Kommunisten mit den Christdemokraten könne eine Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft gelingen.

Sabatino Marchetti seinerseits entschied sich, seine wirtschaftliche Lage zu verändern, indem er im Alter von 24 Jahren nach Deutschland ging. Als einer von 250 Italienern kam er 1961 nach Frankenthal. Die jungen Männer wohnten in Baracken, vier in einem Zimmer, gleich neben ihrer Firma. Aus seinem Heimatort war nur ein einziger weiterer Gastarbeiter in der Gruppe, die meisten stammten aus Rosolini auf Sizilien. Außer ihnen lebten in den Baracken auch Flüchtlinge aus dem Osten. Die Neuankömmlinge wurden über ihre Möglichkeiten informiert: sie könnten bei der Firma Albert einen Beruf lernen, oder sie könnten Geld verdienen, dann kämen sie in die Gießerei.

Sabatino Marchetti entschied sich für eine Lehre, wobei er zunächst nicht viel verdiente. Nach eineinhalb bis zwei Jahren konnte er allerdings bereits im Akkord arbeiten und lag dann gleichauf mit den anderen. Bei Albert lernte er auch seine Frau kennen, die in der „Kalkulation“ arbeitete. Die beiden heirateten 1966. Ab 1972 lebten sie in einer Werkswohnung in der Heßheimer Straße, die Sabationo Marchetti immer noch bewohnt.

Sabatino Marchetti war bereits aus seiner Heimat gekommen mit dem Bewusstsein: Gewerkschaft, das ist die Macht der Schwachen. Auch in Deutschland und bei Albert Druckmaschinen war er gewerkschaftlich aktiv. Von 1976 bis 1996, seinem Eintritt in den Ruhestand, war er Vorsitzender des Ausländerausschusses bei der IG Metall. 1984, als zum ersten Mal Nicht-Deutsche auch das passive Wahlrecht hatten, wurde er auf Anhieb in den Betriebsrat gewählt. Bei jeder neuen Wahl erhielt er mehr Stimmen als vorher. Wobei er sich selbst buchstäblich als Arbeitervertreter verstand: nachdem er zum ersten Mal in den Betriebsrat gewählt war, kam die Personalabteilung und bot ihm einen anderen Arbeitsplatz an. Er sollte dadurch mehr Zeit für die Betriebsratsarbeit haben, andererseits aber gleich viel Geld bekommen wie im Akkord. „Wenn ihr da oben keinen Mist baut, kann ich in Ruhe an der Maschine weiter arbeiten“, hätte er darauf gesagt, berichtet Sabatino Marchetti mit Stolz. Dies hätte er sein übriges Arbeits- und Betriebsratsleben lang so gehalten. Die Arbeit als Fräser war für ihn wichtig: er machte Verbesserungsvorschläge und Erfindungen. Da er die neuen Maschinen mit dem Material der Firma baute, konnte er allerdings keine Patente anmelden, was er nur wenig bedauert.

1995 hielt Sabatino Marchetti bei der 40-Jahr-Feier des DGB in Berlin eine Rede als Vertreter der Migranten. Der italienische Konsul, der anwesend war, kam auf ihn zu und fragte, ob er nicht als ehrenamtlicher Mitarbeiter für sein Vaterland tätig sein wolle. Weil ohnehin sein Ausscheiden aus dem Berufsleben bevorstand, ist Sabatino Marchetti seither in der Pfalz Vertreter des italienischen Konsulats. Er hilft seinen Landsleuten bei Rentenanträgen und weiteren Angelegenheiten, die über das Konsulat abgewickelt werden müssen.

Mittlerweile war Sabatino Marchetti auch der SPD beigetreten. Bei der ersten Wahl zu einem Ausländerbeirat 1998 wurde er als einer der Initiatoren der „Internationalen Liste“ erster Vorsitzender des Ausländerbeirats, dem er unter der neuen Bezeichnung „Rat für Migration und Integration“ immer noch angehört. Als bei der Kommunalwahl 1999 auch EU-Ausländer wahlberechtigt waren, wurde er in den Stadtrat gewählt, dem er bis 2009 angehörte. Er organisierte Förderunterricht für italienische Schülerinnen und Schüler an den Frankenthaler Gymnasien, der aus Italien unterstützt wurde.

Seit Einführung des Euros und Wegfall der Grenzen in Europa fühlt Sabatino Marchetti sich wohl. „Warum gibt es keinen europäischen Ausweis?“ Fragt er Behörden immer wieder. Er war nicht bereit, für den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft zu bezahlen. „Ich bin Cäsar-Pfälzer, und solcher bleib ich“, sagt er auf entsprechende Fragen.

Als „Cäsar-Pfälzer“ ist Sabatino Marchetti Mitglied der italienisch katholischen Gemeinde. „Es ist einfach schön“ sagt er über die Gottesdienste, die Don Luciano von Ludwigshafen aus in seinem großen Pfarrgebiet hält, das bis Kaiserslautern reicht. Die Messen in italienischer Sprache und Ritus vermitteln ein doppeltes Heimatgefühl.

Sabatino Marchettis Frau dagegen war evangelisch. Die beiden haben zu den Pfarrern beider Glaubensbekenntnisse gute Kontakte gepflegt. Tochter Claudia allerdings hat sich für den Glauben des Vaters entschieden: ihre Erstkommunikation fand in derselben Kirche statt, in der schon ihr Vater die Zeremonie erlebte. Und gefirmt wurde sie in Rom von Papst Johannes Paul II: Ein Franziskaner, der viele Jahre lang regelmäßig zu Besuch kam und bei Sabatino Marchetti wohnte, hatte alles Notwendige in die Wege geleitet. - Als Sabatino Marchettis Frau krank wurde, hat er sie neun Jahre lang gepflegt, ehe zuletzt ihr Umzug in ein Pflegheim unausweichlich war. Die Urne mit ihrer Asche brachte Sabatino Marchetti nach Hause nach Leonessa, wo sie im Familiengrab beigesetzt ist.

Zum Wappenteller von Leonessa bemerkt Sabatino Marchetti: Der Löwe hält ein P für Pace – das bedeutet: Frieden. Den Schemel hat ihm die Tochter geschenkt. Darauf stehen sich der Löwe aus Leonessa und der Löwe mit dem Frankenthaler Eckstein gegenüber, der in der anderen Pranke den Reichsapfel hält. Das symbolisiert, dass der „Cäsar-Pfälzer“ sich in beiden Ländern zuhause fühlt. „Wo leben Sie eigentlich?“ wurde er gefragt, als das Finanzamt bemerkte, dass seine deutsche Rente auf ein Konto in Frankenthal und seine italienische auf ein Konto in Leonessa eingehen. „In Europa“ hat Sabatino Marchetti darauf geantwortet. Damit war die Sache erledigt. Er hat nach wie vor seinen italienischen Pass, fühlt sich in Frankenthal zuhause und sagt: „Ich bin überzeugter Europäer.“

 

 

 

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Katholische Gemeinde, Bohnstraße

Carolina Fleißner

 

Die Vorfahren von Carolina Fleißner kommen mütterlicherseits aus Venezuela. Ursprünglich hatten sie in den Anden gewohnt und waren später in die Nähe von Maracaibo gezogen, der zweitgrößten Stadt des Landes, wo ihre Mutter eine Ausbildung zur Krankenschwester machte. Väterlicherseits stammen die Vorfahren aus Pisa in Italien. Ihre Großeltern, eine Kaufmannsfamilie, wanderten um die Jahrhundertwende in Venezuela ein und importierten Waren aus Europa.

Ihr Vater wurde mit sieben Jahren zurück nach Pisa zu Verwandten geschickt, um eine europäische Ausbildung zu erhalten. Kurz nach Beendigung seines Medizinstudiums an der Universität in Pisa brach der 2. Weltkrieg aus und er wurde als Arzt nach Nordafrika geschickt. Nach zwei Jahren Kriegsgefangenschaft in England schaffte er es, das Geld für eine Fahrt auf einem Frachtschiff nach Venezuela zusammenzubekommen. Dort arbeitete er als Chefarzt der Chirurgie an einer von katholischen amerikanischen Nonnen geführten Privatklinik in Maracaibo, die er zuletzt über 25 Jahre als Medizinischer Direktor leitete.

Für Carolina Fleißner und ihre drei Brüder bedeutete dies immer wieder auf den Vater zu verzichten, da er beruflich kaum Zeit für seine Familie hatte. Sie besuchte die Grundschule und das Gymnasium an einer katholischen spanischen Nonnenschule. Nach ihrem Abitur wechselte sie an die katholische Frauenuniversität „St. Mary of the Woods“ in Indiana, USA, um ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Die dort gewonnenen Freunde waren der Grund, dass sie nach einem viermonatigen Englischkurs ein Übersetzerstudium begann. Nach zwei Jahren setzte Carolina Fleißner ihr Studium in Atlanta fort. Auf Wunsch des Vaters sollte es Betriebswirtschaft sein: „Damit hast Du später viele Möglichkeiten“.

Durch ihre beste Freundin lernte sie am Ende ihres Studiums ihren heutigen Ehemann kennen, einen Österreicher, der an der Emory Universität seinen Master in Betriebswirtschaft machte.

Nach Abschluss ihres Studiums arbeitete Carolina Fleißner sechs Jahre in Atlanta als Key Account Managerin in der Graphischen Industrie für den südamerikanischen Markt. Da ihr Partner wieder zurück nach Europa musste, pflegten sie über drei Jahre ein Fernbeziehung. Halbjährlich besuchten sie sich gegenseitig. „Unsere beiden Einkommen gingen damals für Telefonrechnungen und Flüge drauf“, meint Carolina Fleißner. Schließlich kam er nochmals für zwei Jahre nach Atlanta, um seine Dissertation abzuschließen.

Anschließend entschlossen sich die beiden, nach Europa zu gehen. „Für mich war das eine sehr schwere Entscheidung, da ich alles hinter mir lassen musste und in eine ungewisse Zukunft ging. Am meisten hatte ich davor Angst, die deutsche Sprache nicht gut genug zu lernen, “ erzählt Carolina Fleißner. Standesamtlich heirateten die beiden in Atlanta, die kirchliche Trauung dagegen wurde in Kärnten gefeiert. Während des Sommers belegte sie die ersten Unterrichtsstunden in Deutsch in Wien. Da erlebte sie den ersten Schock: Sie konnte kein Wort verstehen, das die Menschen auf der Straße sprachen.

Aus beruflichen Gründen zog das Ehepaar danach nach Essen und - welch ein Wunder, die Leute sprachen so wie Carolina Fleißner es im Klassenzimmer gelernt hatte! Ein halbes Jahr lang fuhr sie regelmäßig nach Düsseldorf ins Goetheinstitut zum Deutschkurs, dann war die größte Hürde geschafft: Carolina Fleißner konnte sich in ihrer neuen Heimat verständlich machen.

1993 ergab sich durch den Beruf ihres Mannes der Umzug nach Frankenthal. Die erste Tochter kam in der neuen Heimat zur Welt. Ein Jahr später wurde die zweite Tochter geboren. Das kleine Frankenthal war eine ungewohnte Umgebung für Carolina Fleißner, da sie in der Großstadt aufgewachsen war. Am Anfang fiel es ihr schwer, Kontakte zu knüpfen. „Wir wurden zwar in unserem Wohnviertel sehr nett aufgenommen, doch ein größerer Freundeskreis ist erst durch die Gemeinde St. Paul und den Kindergarten meiner Töchter entstanden.“

Carolina Fleißner war in den engen Familienbeziehungen der südamerikanischen Kultur aufgewachsen, und sie hatte in ihrer Zeit in Amerika die sehr offene und kontaktfreudige nordamerikanische Kultur gleichsam aufgesogen. In Deutschland erlebte sie nun ihren zweiten Kulturschock. „ Ich empfand meine Mitmenschen in Deutschland sehr reserviert. Es hat viel Mühe gekostet, Kontakte zu knüpfen und Freunde zu gewinnen“, sagt sie. „Doch inzwischen habe ich die Tiefe und Verlässlichkeit von deutschen Freundschaften schätzen gelernt.“

Und noch etwas betont Carolina Fleißner immer wieder: „ Dass meine beiden Kinder alleine auf der Straße vor dem Haus spielen und alleine mit dem Fahrrad in die Schule fahren können, hätte ich früher im Traum nicht gedacht. Eine Sicherheit wie hier in Deutschland kenne ich weder aus Südamerika noch aus den USA.“

Und was erachtet Carolina Fleißner als besonders wichtig?

„Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir vor unserem Umzug nach Europa einen befreundeten, aus Wien stammenden Professor für Germanistik an der EmoryUniverisät in Atlanta besuchten und um Rat fragten. Er legte mir ans Herz, keine Mühen und Kosten zu scheuen, um die Sprache bestmöglich zu lernen. Ich nahm dies auch sehr ernst. Denn die Sprache ist der Schlüssel zu einer neuen Kultur. Heute fühle ich mich sehr wohl in Frankenthal, habe viele Freunde gefunden und bin hier nun zu Hause.“

An ihre Heimat erinnern Carolina Fleißner die beiden aus Ton geformten Gegenstände, die in ihrem Haus auf dem Kaminsims stehen: Ein Haus, das typisch ist für Maracaibo, und eine „Guajira“, eine der indianischen Frauen, die das Straßenbild der Stadt prägen.

 

 

 

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Katholische Gemeinde, Flomersheim /Odenwaldstraße

Cäcilie und Paul Najuch

 

 

Cäcilie und Paul Najuch wurden in den 30-iger Jahren geboren: Cäcilie 1939, Paul ist 9 Jahre älter. Beide sind in Nieder-Schlesien auf eigenen Landwirtschaften und Gehöften groß geworden. Dort haben sie geheiratet und ihre drei Kinder zunächst groß gezogen. Sie haben trotz Krieg und den damit verbundenen Verlusten – der Bauernhof von Paul Najuch wurde total niedergebrannt – ihre angestammte Heimat als sicheren und verlässlichen Ort empfunden und sind auch nach Kriegsende geblieben. Die dortigen Großgrundbesitzer wurden enteignet, Paul und Cäcilie Najuch durften ihr eigenes Land weiter bewirtschaften. So lebten sie weiter in der vertrauten Umgebung, denn da waren ihre Freunde, die Nachbarn und zunächst auch noch die Verwandten. Sie kamen mit allen Leuten gut aus, egal ob es Schlesier oder Polen waren. Paul und Cäcilie Najuch waren und sind sehr kommunikativ. Man hat sich wechselseitig geholfen, das war selbstverständlich, betonen sie im Rückblick.

Einige nahe Verwandte – Schwester, Bruder und Mutter mit jüngstem Bruder – zogen in der Zeit von 1961 bis 1971 nach Deutschland. Als 1970 Bundeskanzler Brandt und Außenminister Scheel in Warschau die Außengrenzen von Polen anerkannt haben, befürchteten die Najuchs, sie müssten jetzt polnische Staatsbürger werden. Das war für Paul und Cäcilie Najuch das Signal dafür, ihren Ausreiseanträgen Nachdruck zu verleihen. Diese wurden zunächst ständig abgelehnt, die polnischen Behörden waren dabei sehr trickreich. Im Jahr 1974 wurde für die Ausreise dann die schreiende Formel gefunden: Schenken die Najuchs ihren Grundbesitz mit allen Gebäuden und Maschinen dem polnischen Staat –notariell verbrieft –, dann dürfen sie sofort ausreisen. Diese harte Entscheidung haben beide getroffen.

In Frankenthal – dort waren die Verwandten – war der Anfang ganz schwer. Einige Monate hatten beide keine Arbeit, drei Kinder waren zu versorgen. Täglich stand der Gang zum Arbeitsamt an. „Auf das Sozialamt wäre ich nie gegangen“, sagt Cäcile Najuch. Das beharrliche Nachfragen hatte Erfolg: Paul Najuch hat bei den Benderwerken und Cäcilie Najuch beim Pfälzischen Institut für Hörbehinderte (PIH) Arbeit gefunden. Beide haben – wie schon zuhause in Schlesien – sehr viel in ihren Betrieben mitgearbeitet und sich in die neuen Strukturen eingefügt.

Paul und Cäcilie Najuch waren unendlich fleißig. Sie hatten das Ziel, wieder ein eigenes zuhause zu haben. Das musste erwirtschaftet werden. Da außer der eigenen Arbeitskraft kein Kapital da war, haben sie diese uneingeschränkt eingesetzt. Sicherheitshalber wurde für Paul ein enormer rückwirkender Einmalbetrag in die Rentenversicherung eingezahlt. Das war eine extreme Zusatzbelastung.

Am Ende haben sie es geschafft: Paul und Cäcilie Najuch haben ihr neues eigenes Haus, und sie sind sehr zufrieden mit ihrer neuen Heimat, auch wenn die Erinnerung an die alte Heimat groß bleibt. Beide kommen mit ihren neuen Nachbarn gut aus, und sie engagieren sich in der neuen Kirchengemeinde bei den Gottesdiensten, helfen bei allen Kirchenfesten mit und sind Mitglieder im Förderverein der Kirche St. Thomas Morus.

Als Erinnerungsstück an die alte Heimat präsentieren sie ein Fotoalbum. Selbst sind sie auf den Bildern nur selten zu sehen, aber das Betrachten der früher vertrauten Umgebung, der Menschen, die mit ihnen gleichzeitig dort gelebt haben, verbindet sie mit alten glücklichen Zeiten.

 

 

 

VIKZ_7122_1Bayrakdar_8980VIKZ-Moschee

Verband der islamischen Kulturzentren e.V.

Saffet Bayrakdar

 

 

Saffet Bayrakdar ist schon mit 13 Jahren zusammen mit seinem Vater aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Er wurde am 25. August 1960 in Ödemiş, einer Kleinstadt in der türkischen Provinz Izmir, geboren.

Während der Vater in Ludwighafen arbeitete, hatte der Junge eine schwierige Zeit, denn in dieser Phase war er ganz alleine auf sich gestellt. Er musste immer wieder aufpassen, dass er nicht in schlechte Gesellschaft geriet. Doch in der Schule war Saffet sehr fleißig und schloss die 9. Klasse mit einer Bestnote ab. Außerdem war er einer der ersten türkischen Jungen, der anschließend die Berufsschule besuchte und mit hervorragenden Noten beendete. Zur Abschlussfeier gratulierte ihm sogar ein Vertreter des Bildungsministeriums Rheinland-Pfalz für seine hervorragenden Leistungen. Inzwischen arbeitet er als Monteur in einer deutschen Firma.

Seit Juni 1982 wohnt Saffet Bayrakdar in Frankenthal. Seine Frau lernte er bei einem Urlaub in der Türkei kennen. Mit ihr hat er drei Kinder, auf die er sehr stolz ist, da alle drei in Frankenthal hervorragend integriert sind.In Frankenthal gefällt ihm die Ruhe und sein Garten, in dem die Familie ihre Freizeit verbringt. Einmal jährlich besucht er seine Verwandten in der Türkei . Saffet Bayrakdar hat seine türkische Staatsangehörigkeit behalten.

Auch in der VIKZ-Moschee in der Wormser Straße 130-132 engagieren sich alle Familienmitglieder. Saffet Bayrakdar genießt die Zeit in der moslemischen Gemeinde, wo er nach all der Hektik im Beruf seinen Glauben leben kann. Seine Frau und die Kinder engagieren sich ebenfalls ehrenamtlich in der Gemeinde, die Kinder helfen bei der Jugendarbeit. Ihr Hauptanliegen ist es, die Jugendlichen von der Straße zu holen.

Der Verband der Islamischen Kulturzentren e.V. ist ein im sozialen und kulturellen Bereich tätiger gemeinnütziger Verein und eine islamische Religionsgemeinschaft, der seine Aktivitäten nach geltendem Recht ausübt.

Gegründet wurde der Verband im September 1973 unter dem Namen "Islamisches Kulturzentrum e.V." in Köln, um die Bedürfnisse der damaligen muslimischen, vor allem der türkischen Gastarbeiter in Deutschland zu decken. Dem Verband sind bundesweit zirka 300 selbstständige Moschee- und Bildungsvereine angeschlossen. Ziel und Zweck der Verbandsarbeit ist die religiöse, soziale und kulturelle Betreuung von Muslimen in Deutschland.

Bei den rund 300 Gemeinden, die dem Verband angeschlossen sind, handelt es um lokale, selbstständige und gemeinnützige Vereine. Das Verhältnis zwischen ihnen und dem Verband ist in einem Fördervertrag geregelt. Im Rahmen dieses Fördervertrages sind die Vereine dazu verpflichtet, in allen Belangen transparent zu handeln und sich an das islamische Glaubensbekenntnis und die Arbeitsprinzipien des Verbandes als auch an die freiheitlich demokratische Grundordnung Deutschlands zu halten.

Die Mitglieder des VIKZ in Frankenthal nehmen auch rege am Frankenthaler Leben teil, so sind sie bei allen Veranstaltungen wie dem Strohhutfest ebenfalls vertreten.

 

 

 

Ohne die engagierte Mitarbeit und ehrenamtliche Beteiligung vieler Menschen wären Projekt und Ausstellung nicht zustande gekommen. Wir danken Allen, die unsere Idee unterstützt haben. Besonderer Dank gilt den hier im Text vorgestellten Einwohnerinnen und Einwohnern von Frankenthal. Mir liegt daran, zu erwähnen, dass wir auch Lebensläufe von Menschen kennen gelernt haben, die ihre Beteiligung zuletzt doch zurück gezogen haben, um ihren Aufenthaltsstatus in Deutschland nicht zu gefährden.

 

Fotos: Rudi Kottmann-Rexerodt

Texte: Alis Hoppenrath

(Mitarbeit: Cordula Eckenfels, Thomas Hoppenrath, Birgitt Klein, Adam Tumele)

 

Einführung in die Ausstellung

Text von Chris Ludwig, Sozialmanagerin MSc

 

Herzlichen Dank für die Einladung, ich bin gerne nach Frankenthal gekommen, um im Rahmen ihrer Ausstellungseröffnung mit dem Titel „Aufgehoben“ über Zuwanderung in das Gemeinwesen zu sprechen. 

Mein Part soll es heute sein, mit Ihnen gemeinsam einen Blick darauf zu werfen, wie gelingende Integration vor Ort aussehen kann und welche Rollen die Beteiligten, Alteingesessene wie Zugewanderte, haben können und welche Anforderungen hierbei an sie gestellt werden.

Seit es Menschen gibt, haben sie sich aus ihren angestammten Lebensräumen aufgemacht, um in die Fremde zu gehen. Sonst wären wir wohl heute noch eine kleine Gruppe von afrikanischen Savannenbewohnern/innen.

 

Im schönsten Fall kommen Menschen der Liebe wegen und finden sich aufgenommen in einer Familie und Gemeinschaft, die sie in die neue Lebenswelt begleiten und damit das jeweilig gegenseitige Fremde sich in Vertrautes verwandelt.

Wenn sich jedoch Familien, Junge und Alte, Frauen und Männer, mit unverzichtbar erscheinender Habe und wenigen liebgewordenen persönlichen Gegenständen im Gepäck von vertrauten Menschen und ihnen Bekanntem lösen, so geschieht dies selten ohne Not.

Wohl niemand hat in unserer Sprache dies eindringlicher beschrieben als die Gebrüder Grimm in ihrer Märchenniederschrift von den Bremer Stadtmusikanten (Sie erinnern sich, das waren der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn), die nach vielen Drangsalen und persönlichen Bedrohungen beschließen: „Lasst uns gehen, etwas Besseres als den Tod finden wir allemal.“

 

Es waren und sind mehrheitlich Zukunftsängste, Verfolgung und Unterdrückung, Kriege und Gewalt, Arbeitslosigkeit und natürlich die Hoffnung auf ein besseres Leben, die Menschen in die ungewisse Fremde treiben, auch wenn ihr Herz an dem Vertrauten hängt und sie ihr Leben lang um diesen Verlust trauern werden.

Dieser Zwiespalt, auch seine damit verbundene Hoffnung, findet einen sprachlichen Niederschlag in einem der Interviews in der Verwendung der Worte „Ich habe ein Mutterland und ein Vaterland“.

Frankenthal kann in seiner städtischen Zuwanderungsgeschichte auf eine lange und gute Tradition der mehrheitlich gelungenen Aufnahme von Menschen, von Fremden, die kamen um zu bleiben, zurückblicken. Dies ist spätestens seit dem 16. Jahrhundert belegt. Es gibt am 24.Mai noch dankenswerter Weise im Rahmen dieser Ausstellung einen eigenen Beitrag zu diesem Thema.

Um die Geschichte der Stadt und ihrer Menschen zu bewahren und um, vertrauend auf die Chancen, aus den Erfahrungen der Menschen Handlungsoptionen für die Zukunft entwickeln zu können, bietet diese Ausstellung eine Fülle von Anregungen für ein gelingendes Zusammenleben im Gemeinwesen.

Gotteshäuser jeglicher Glaubensrichtung waren und sind in einer Kommune häufig erste Anlaufstellen für neu Angekommene aus einer Heimat irgendwo auf der Welt, nicht nur für Glaubensschwestern und -brüder.

Sprache und Herkunftsland führen unter den hier zu sehenden Dächern genauso zusammen, wie es der gemeinsame Glauben ermöglicht. Und was die Menschen in den Kirchen, Moscheen, Synagogen, Bethäusern und Tempeln suchen und zu finden hoffen gibt uns Hinweise darauf, was für neu Zugewanderte wichtig ist.

In den Interviews zu den Lebensgeschichten der Gemeindemitglieder finden wir die wichtigsten Gelingensanforderungen:

  • Sprache lernen und Bildung bekommen, sich ausdrücken können, hör- und sichtbar zu werden, dazugehören dürfen und wollen.
  • Ein Dach über dem Kopf haben („ein Bett“), eine gute Wohnung bekommen, Zitat: „eine schöne, helle Wohnung haben wir in Frankenthal gefunden“.
  • Gesicherten Aufenthalt, denn hier soll das Suchen und Weiterziehen ein zumindest vorläufiges Ende finden. Denn es wollen Familien gegründet und Kinder aufgezogen werden. Interessant ist, dass diese Kinder sich z. T. dann doch wieder aufmachen hinaus in die Welt.
  • Arbeit und Ausbildung, auch für die Kinder, Weiterbildung insbesondere für die neuen Anforderungen, häufig auch der Weg in die Selbständigkeit, sogenannte ethnische Ökonomien sichern heute die Nahversorgung im Wohnquartier.
  • Ansprache und Freunde finden,
    - zum einen, um die eigene Sprache und die Tradition zu bewahren,
    - zum anderen, um die neue Sprache zu üben und die umgebende Gesellschaft verstehen zu lernen.
    Dazu gehört, gesellschaftliches Orientierungswissen zu erwerben (z.B. wie funktioniert das Schul- und Steuersystem oder das mit der Rentenversicherung?).
  • Die Möglichkeit sich zu engagieren wird gesucht, z.B. in einer Gemeinde und/oder im interreligiösen Dialog, in einer Gewerkschaft oder Partei, in städtischen Gremien wie dem Migrationsbeirat oder dem Stadtrat, auch der Wunsch etwas weiter zu geben findet sich, z.B. indem Angebote für Jugendliche und Frauen gestaltet werden.

All diese Hoffnungen und Wünsche ziehen sich durch die Interviews, unabhängig von den Gründen der Zuwanderung, dem Glauben oder der Herkunft.

 

Weitere Hinweise auf eine gelingende Aufnahme von Menschen in das Gemeinwesen bergen die Bemühungen, sich erstmalig in einer deutschen Stadt einen angemessenen Gebets-, Andachts- oder Versammlungsraum zu schaffen.

Hier spielen eine Rolle:

  • Das Bedürfnis zur Selbstvergewisserung in der eigenen Identität.
  • Der Wunsch, ein Stück innere und äußere Heimat (wieder) zu finden.
  • Menschen zu treffen, mit denen sich mehr verbindet als Nachbarn/innen und Kollegen/innen zu sein.
  • Gerade die gemeinsame Erfahrung des Weggehens und des Fremdseins bilden ein enges Band.

Muslime, orthodoxen Christen, Mennoniten sowie Hinduisten, Buddhisten und andere, deren Glauben keine Tradition und bis vor nicht allzu langer Zeit keine Standorte in Deutschland hatten, können über hindernisreiche Wege berichten.

Wege aus Hinterhäusern und Abbruchfabriken mit Umwegen über ungeeignete, häufig teure, Mietobjekte hin zu den gemeindeeigenen, repräsentativen und selbst ausgestalteten Räumen. Dies hat mitunter Jahrzehnte gedauert und ist immer eng an das Engagement Einzelner, sowohl in der Religionsgemeinde als auch der Kommune, gebunden.

 

Welche Erkenntnisse und Handlungsmöglichkeiten lassen sich nun aus diesen individuellen Lebensverläufen, verknüpft mit (welt-)politischen Ereignissen, für das kommunale Gemeinwesen herleiten?

Carl Zuckmayer greift in seinem Werk „Der Hauptmann von Köpenick“ das oben angeführte Zitat,“…etwas Besseres als den Tod findest du allemal“ aus der Geschichte der Bremer Stadtmusikanten auf, denn nichts scheint geeigneter als dieser Satz, um zu verdeutlichen, dass aus jeder, auch einer aussichtslos scheinenden Situation, Kraft für einen Neuanfang steckt.

Selten ist es allerdings, bei diesem Neuanfang Räume ganz für sich zu besetzen. Die Bremer Stadtmusikanten vertrieben die Räuber und lebten dann alleine und unbehelligt in deren Haus. Dieses Modell ist so nicht übertragbar und soll es auch nicht sein.

Vielmehr geht es darum, sich zukünftig die vorhandenen Räume zu teilen und gemeinsam zu gestalten. Die im Untertitel der Ausstellung (Glaube, Herkunft, Selbstbestimmung) benannte Selbstbestimmung beinhaltet dies. Somit stellt der berechtigte Wunsch nach dieser Selbstbestimmung durchaus Anforderungen an die aufnehmende Gesellschaft.

Die bei den Einen vorhandene Sehnsucht danach, dass die neue, wenn auch noch fremde Heimat, ein sicherer und verlässlicher Ort sein möge löst bei den bereits dort Lebenden und Beheimateten, interessanterweise auch wenn diese es noch nicht all zu lange sind, Ängste und Verunsicherung aus.

Auch das Einlassen auf Neues, bei dem keine äußeren, sondern innere Grenzen zu überwinden sind, erfordert Kraft und Mut. Das Band zum eigenen Ich, zu den Wurzeln, zur eigenen Identität haben wir alle in uns und möchten es bewahren.

Das von den neuen Nachbarn Mitgebrachte, deren Eigenes, soll seinen Platz finden, will bewahrt werden. Daraus ergeben sich wahrnehmbare Veränderungen im Gemeinwesen. Auf der Straße klingen neue Sprachen, das Speisenangebot und die Gerüche, Musik, Lebensgewohnheiten, der Umgang miteinander wandeln sich über die Jahre.

Hierdurch werden Gewissheiten und Vertrautes in Frage gestellt, auch wenn der Ort, an dem ich mich befinde, gleich geblieben ist.

Vieles wird nach einigem Erproben und Nachdenken angenommen, doch es bleibt immer auch ein Rest befremdliches.

Um dies nicht zu neuen und hervorgeholten alten Feindbildern werden zu lassen sind in der Religionsgemeinde wie in der Bürgerschaft und der Verwaltung alle Beteiligten gefordert. Die trennenden Bilder von- und übereinander gilt es wahrzunehmen, sie immer wieder im demokratischen Diskurs zu hinterfragen und wenn möglich aufzulösen.

Misslingendes ist anzusprechen und Lösungen sollten gemeinsam gefunden und umgesetzt werden.

Dies bekommt kein Gemeinwesen geschenkt und schon gar nicht über Nacht. Dies erfordert Anstrengung, auch finanzielles Engagement und der Ausgang ist erst einmal ungewiss. Denn welche Generation vor uns hat in dem heute geforderten Rahmen Erfahrungen?

Die Lebensgeschichten in dieser Ausstellung beinhalten schon einen Teil solcher Erfahrungen. Denn es leben hier in Frankenthal Menschen, die in hohem Maß, teilweise über Generationen, Wanderungserfahrung und damit die Erfahrung, über Grenzen zu gehen, innerer wie äußerer, gemacht haben. Und sie haben damit umgehen und leben gelernt.

Unsere Welt ist vielfältiger geworden durch die Zuwanderung, im besten Falle ist sie bunter und chancenreicher, sie ist aber auch anspruchsvoller, manchmal lauter und gelegentlich an persönliche Grenzen führend geworden. Eines ist diese Entwicklung auf jeden Fall nicht, sie ist weder umkehrbar noch in Zukunft einfacher zu gestalten.

Die Ausstellungsmacher/innen haben den Zeitzeugen/innen geduldig zugehört und dadurch einen Erkenntnisraum geöffnet, der kommunalpolitisches Handeln über das Engagement der Religionsgemeinschaften hinaus ermöglicht.

Sie haben wahrgenommen, wie vielfältig die Lebenslagen der zugewanderten Menschen in Frankenthal sind, sensibel auch die Ängste vor Identitätsverlust, die z.B. mit der Aufgabe der bisherigen Staatsbürgerschaft verknüpft sind, wahrgenommen und dies in den Kontext einer persönlichen Lebens- und Wanderungsgeschichte gestellt.

Es sind die dadurch sichtbar werdenden gesellschaftlichen Herausforderungen, denen wir uns nur gemeinsam und in gegenseitigem Respekt mutig stellen können. Diese Ausstellung birgt gute Möglichkeiten, uns die darin liegenden Chancen auf der persönlichen Erfahrungsebene zu vermitteln.

Vielleicht ist diese Ausstellung ein guter Anlass, die Bremer Stadtmusikanten noch einmal neu zu lesen oder vorzulesen, um daraus die Möglichkeiten die unsere vielfältig gewordenen Welt birgt und die damit verbundenen Gestaltungsräume die sich öffnen, wahrzunehmen und weiter zu entwickeln.

Manche (Gedanken-)Räuber wären damit sicher in die Flucht zu schlagen.

Dem Kunstverein „Treidler“ und der Stadt Frankenthal gratuliere ich zu dieser gelungenen Ausstellungsarbeit und wünsche Ihnen in diesem Rahmen viele Begegnungen, Gespräche und Anregungen für Ihr Gemeinwesen.

 

Chris Ludwig, 3. Mai 2012

 

N’oublie jamais que tes paroles ont le pouvoir de detruire ou de construire, de decourager ou d encourager, de guerir ou d ouvrir de profondes blessures. Esperons que les futurs medecins ne perdent pas foi en leur vocation: